Donnerstag, 28. Mai 2015

Capuccino, Gelato, Torino

Was wären wir ohne die italienische Kaffeekultur? Vielleicht tränken wir dann noch immer Heliomalt, Ovi wäre noch immer in Schweizer Hand und George Clooney würde uns wahrscheinlich mit unsäglichen Varianten Novomaltine in Kapseln verführen. Ohne den Siegeszug der italienischen Kaffeekultur gäbe es kein Starbucks nach dem Unterricht, kein Espresso-Doppio nach dem Essen und vermutlich auch keinen Chai-Latte nach dem Yogakurs. Höchste Zeit also, ihr ein Kränzchen zu winden und uns nach Italien auf Spurensuche zu begeben.

Wir hätten genauso gut Rom wählen können, oder Siena, Mailand oder Genua. Wir haben Turin gewählt. Turin ist eine Arbeiterstadt. Aus Turin kommt das italiensche Volksauto, der Fiat. Turin ist aber auch Genussstadt. Hier findet alle zwei Jahre die grosse, heilige Genussmesse, der Salone del Gusto statt. Und vor den Toren der Stadt liegt die Slow Food-Universität der gastronomischen Wissenschaften. Die ideale Stadt also, um Kaffeegenüssen auf den Grund zu gehen. Zudem ist Turin mit vier Autostunden Entfernung (für Zürcher, drei für Göschener, ohne Stau, wohlgemerkt) noch in akzeptabler Reichweite für ein verlängertes Pfingstwochenende.

Dass sich die Kaffeekultur gerade in Italien so entwickeln konnte, ist aber nicht nur der italienischen Fähigkeit für gastronomische Wunder zu verdanken, sondern vor allem historischen Gründen zuzuschreiben. Italien war einer der ersten Handelspartner von Äthiopien und hatte so vermutlich als eines der ersten europäischen Länder Zugriff zu Kaffee. So gibt es zum Beispiel bereits seit 1763 das Caffè al Bicerin in welchem DIE Turiner Kaffeespezialität Bicerin erfunden wurde. Erst kommt heisse Schokolade ins Glas, dann ein starker Espresso und am Schluss die Crema di Latte, eine Komposition die eher für die kühleren Tage gedacht ist. Ariane vom Blog "Tra dolce ed amore" hat einen schönen Bericht dazu geschrieben.


Schlechten Kaffee kann sich in Turin keine Bar leisten, behaupten wir, denn guten Kaffee bekommt man hier an jeder Ecke. So zum Beispiel in dem zu Turins Nobelrestaurant Del Cambio zählenden Feinkostgeschäft Farmacia Del Cambio. Was uns aufgefallen ist, dass man sehr oft Kaffee der Marke Costadoro serviert bekommt. Ein Turiner Kaffeeimporteur der ganz bewusst auf hohe Qualität setzt, sowohl beim Einkauf wie bei der Röstung. Während industrielle Röstereien ihre Mischungen im Schnellverfahren rösten, wird bei Costadoro jede Bohnensorte einzeln schonend geröstet, erst anschliessend werden die Sorten gemischt, sagt zuminest deren Exportchef Giorgio Langella.


Wer aber nicht nur guten Kaffee möchte, sondern extrem guten Kaffee der wird zum Beispiel im Laboratorio Caffè ORSO fündig. Hier kann man die Provenienz genauso wie die Zubereitungsart wählen. Ob Cold Drip, Aeropress, Filterkaffe oder die klassische Espresso-Zubereitung mit der La Marzocco, jeder kommt hier auf seinen Geschmack. Wir haben natürlich den äthiopischen in der italienischen Zubereitungsart gewählt. Wie bereits gesagt: extrem gut, auch wenn es kein Wildkaffee ist ;-). Als kleine Überraschung findet man auf dem Boden der Espressotasse eine geheimnissvolle Zahl.


Wir hatten einmal die 18, einmal die 72 und einmal die 30. Des Rätsels Lösung findet man gleich rechts neben der Eingangstür an die Wand gepinnt, 78 Lebensweisheiten, sozusagen als Ersatz fürs Kaffeesatzlesen. Unter der Nummer 30 steht: Non ti aggrappare al passato.  É ciá successa una volta. Selten haben wir ein so stimmiges Café erlebt, das Orso war der absolute Kaffeehöhepunkt unserer Turinreise. Hier noch ein kleines Video welche Giulios Liebe zum Kaffee schön auf den Punkt bringt.



Man sollte das Café aber auf keinen Fall (!) durch die Eingangstüre verlassen, man könnte so nämlich das zweite Highlight in Turin verpassen. Man wechselt am besten einfach durch die Seitentür in die anliegende Gelateria Mara dei Boschi. Mit dem Eis ist das in Italien so wie mit dem Kaffee: gutes Eis findet man (fast) überall, umwerfend gutes ist aber so selten wie umwerfend guter Capuccino nördlich der Alpen. Folgende Sorten haben wir probiert: Stracciatella, Caffè, Pistacchio, Melone, Limone und Crema di Limone. Unsere Lieblinge waren das hellbraune Pistacchio und das wunderbar erfrischende, einmalige Zitronensorbet.


Wer morgens zum Frühstück gemütlich einen Capuccino trinken will dem empfehlen wir einen Besuch in der Cremolose "Il Gusto Giusto", nicht weil es umwerfend gut ist sondern einfach weil es sehr stimmig ist. Eine leckere Brioche alla marmellata dazu, die Gazetta dello Sport, um den Match des Vorabends von Juventus Turin nachzulesen und ein perfekter Tag kann beginnen. Wer keinen Fussball mag kann selbstverständlich auch die Göttliche Komödie von Dante Alighieri lesen oder den Slow Food-Führer Osterie d'Italia studieren.


Natürlich konnten wir uns einen Abstecher im Caffè Vergnano in der Via Lagrange nicht verkneifen. Sicher nicht wegen dem Kaffee, sondern weil man dort in die kleine Eataly-Tochter gelangt, dem Gourmethimmel für alle Feinschmecker.

In Turin gibt es drei Röstereien die die von Slow Food verliehene Auszeichnung "Maestri del Gusto" verdienen. Zum einen ist das Giulios Laboratorio Orso, dann Caffè Damosso, welches wir nicht testen konnten und zum dritten ist das Pausa Café. Pausa Café ist eine soziale Kooperative, welche Projekte im Süden unterstützt und Insassen zweier Gefängnisse in der Turiner Umgebung sinnvolle Arbeit und soziale Reintegration anbietet. Pausa Café fördert auch das Kaffee-Presidio Huehuetenango in Guatemala. In der Gelateria-Kette Grom wird das Kaffeeglacé mit diesem speziellen Kaffee gemacht und es schmeckte ausgezeichnet, intensives Kaffeearoma und nicht zu süss.
 
Bildquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Turin

Turin ist keine Perle aber eine sehr angenehme Stadt. Es gibt, mit ganz wenigen Ausnahmen, keine Touristenfallen, man isst und trinkt überall gut. Die vielen Bogengänge laden zum Bummeln ein und man lässt sich sehr schnell von der schönen italienischen Stimmung anstecken. So fuhren wir ganz gelöst wieder Richtung Norden und auch der Stau vor dem Gotthard konnte uns nichts anhaben, denn schliesslich hatten wir ja unsere Handpresso dabei. Da genossen wir, in Airolo auf der Autobahn stehend, einen wunderbaren Kaffa Wildkaffee und liessen uns eines dieser köstlichen Giandujotto auf der Zunge zergehen.

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