Donnerstag, 24. September 2015

Auf einen Kaffee mit ... Kurt Pfister von Green Ethiopia

Verabredet haben wir uns nicht in Addis Abeba und auch nicht in Dire Dawa sondern in Winterthur. Dort, gleich hinter dem Bahnhof trinken wir einen Kaffee mit Kurt Pfister, Gründer und Stiftungsratpräsident von Green Ethiopia. Nicht "Hilfe zur Selbsthilfe" sondern "Hilfe zur Selbstentwicklung" ist das Leitmotiv mit dem seit fünzehn Jahren in verschiedenen Regionen Äthiopiens Entwicklunshilfe geleistet wird. Dabei werden nicht, wie bei vielen anderen Hilfsprojekten, einfach Hilfslieferungen gesandt, Brunnen oder Schulen gebaut und die Menschen dann damit allein gelassen. Green Ethiopia packt das Übel an der Wurzel an. Armut und Landflucht enstehen vor allem dort, wo die ganzen Regenwälder abgeholzt wurden. Mit der Folge, dass Quellen versiegen und fruchtbarer Boden weggeschwemmt wurde. Und genau dort setzt die Hilfe von Green Ethiopia an.


Warum gerade Äthiopien wollten wir von Kurt Pfister wissen. "Vor fünfzehn Jahren kam ich das erste Mal nach Äthiopien. Am Übergang zu meiner Teilpensionierung. Ich habe das ganze Leben lang für die Migros gearbeitet. Die letzten acht Jahre nicht mehr in Vollzeit, da war ich Präsident der Delegiertenversammlung, das war nur etwa eine 40%-Aufgabe. Und dann wurde ich von einem Freund angefragt, der dort unten Kastanienbäume anpflanzen wollte, er meinte, ich sei der rechte Mann für dieses Projekt. Ich bin dann mit ihm das erste Mal nach Äthiopien gereist und habe gesehen, dass das völliger Mist ist, dort Kastanienbäume pflanzen zu wollen. Der Kastanienbaum ist ein wunderbarer Baum aber der soll dort leben wo er zu Hause ist und nicht in einem fremden Land. Aber auf den Reisen mit ihm habe ich das Land ein wenig kennen gelernt, habe die Armut gesehen, habe vor allem die Erosion gesehen, wie sie wertvolles Kulturland kaputt macht und bin dann ein paar Monate später mit meiner Frau und unserem jüngeren Sohn für drei Wochen im Land rumgereist. Dort haben wir uns entschieden, wir möchten etwas machen für dieses Land. Wir sind dann nach Hause und haben die Stiftung gegründet."

Kurt Pfister mit seiner Ehefrau und ihren zwei Söhnen

Wenn Kurt Pfister etwas anpackt, dann macht er es richtig. Im selben Jahr noch liefert er bereits erste Wasserpumpen, ein Jahr später fing die erste Aufforstung an. Mit Bäumen aus eigener Setzlingsproduktion wird aufgeforstet und wo Wald entsteht gibt es auch wieder Wasser, denn Waldboden ist einer der besten Wasserspeicher. Wo es Wasser gibt, kann Nahrung angebaut werden und wo es Nahrung gibt, gibt es Leben. Die Menschen sind sehr verbunden mit ihrer Region und wenn sie dort eine Lebensgrundlage finden, gibt es für sie keinen trifftigen Grund wegzuziehen. Eine bestechende Idee, die Durchführung in einem Land anderer Kultur umzusetzen ist aber doch eine ziemliche Herausforderung. Zudem ist die Stiftung nur in abgelegenen, armen Gebieten tätig, nicht entlang der Hauptstrassen wo alle anderen NGO's bereits Hilfe leisten.


Es braucht drei Vorraussetzungen damit Green Ethiopia tätig wird. Erstens muss das Gebiet bereits durch schwere Erosion geschädigt sein. Zweitens müssen die lokalen Bauern und staatlichen Büros eine Zusammenarbeit wollen und drittens müssen die Bauern das Land abgeben, das heisst, dass es Gemeindeland wird und sie müssen auch bereit sein Freiwilligenarbeit zu leisten. Pfister bekommt viele Anfragen, Land wieder aufzuforsten und stellt dann immer die Gegenfrage, was denn der Beitrag sei, den die Antragsteller bereit seien zu leisten. Wenn man sich einig wird, wird vertraglich geregelt wer was macht, dass die Aufforstungsgebiete fünf Jahre lang geschützt werden müssen (d.h. dass keine Ziegen oder Kühe dort weiden dürfen), dass 90% der Bäume typische Sorten der Region sein müssen und dass die restlichen 10% mit Eukalyptusbäumen bestellt werden dürfen um den Bedarf an Bau- und Feuerholz zu decken. Es ist für alle Beteiligten sehr motivierend in einem aufgeforsteten Gebiet wieder Hirsche zu sehen oder Berichte zu lesen, wie sehr die Artenvielfalt wieder zugenommen habe.


Nebst den Aufforstungsprojekten gibt es auch Schulprojekte. Dabei werden die Kinder für die Wichtigkeit des Waldes sensibilisiert. Green Ethiopia investiert hier weniger in die Infrastruktur als in den Naturkundeunterricht. Nebst dem theoretischen Teil gibt es da jeweils auch eine kleine Baumschule oder einen Fruchtbaumgarten zu pflegen und konrekt zu erleben, welchen Einfluss ein Baum auf das Ökosystem haben kann. Es gibt wohl nichts Wertvolleres und Nachhaltigeres in Bezug auf Natur um Umwelt, als den segensreichen Kreislauf „Bäume-Wälder-Wasser-Nahrung-Leben“ schon Kindern auf eindrückliche Art zu vermitteln.

Es gibt sehr viele alleinerziehende Mütter in diesen armen Gegenden, sei es weil der Mann an AIDS oder anderen Krankheiten gestorben ist, sei es, weil er Addis Abeba oder in eine andere Grossstadt zog um dort als Taxifahrer Geld zu verdienen. Aber sobald die Menschen wieder eine Zukunft sehen in den Gebieten, aus denen sie stammen, kommen sie zurück zu ihren Wurzeln. Es ist für mich auch immer wieder eines der schönsten Erlebnisse wenn Frauen mit Kindern mir freudestrahlend erzählen, ihr Mann sei nach Jahren wieder zurückgekehrt sagt Pfister. Besonders leidtragende sind die Frauen, auf denen zu viele Pflichten lasten und bei denen die Grenzen des Zumutbaren – nach unseren Massstäben – oft überschritten wird. Um solchen armen Bauernfamilien einen Weg aus der Misere zu bieten, unterstützen wir ausgewählte arme Bauernfamilien mit der Finanzierung von Saatgut, mit der Spende von Ochsen, mit Hühnern und Schafen, sowie mit der Lieferung von Wasserpumpen an Bauerngruppen. Frauen unterstützen wir zusätzlich aus humanitären Gründen mit der Spende von Eseln, um sie vom Tragen schwerer Lasten zu entlasten. Viele Frauen generieren etwas Einkommen mit Transportdienstleistungen und Mädchen gewinnen Zeit zur Schule zu gehen statt lange Wasser zu tragen. Dies ist eine Einmalhilfe die es ihnen ermöglichen soll, sich selbst aus der Armut zu befreien. Was Pfister auch gefreut hat zu sehen war die Tatsache, dass bei einem Projekt, bei dem am Anfang um jeden Sack Zement fast gebettelt wurde, später der Bewässerungskanal aus Eigeninitiative um 500 Meter verlängert wurde mit Zement, der dank guter Erträge gekauft werden konnte.


Die Stiftung zahlt im Moment für rund 1'000 Frauen ein Salär. Dann sind die Polyethylen-Säcke, die Kunststoffsäcke in denen die Bäume gezogen werden, relativ teuer. Das Material das gebraucht wird um die Setzlinge zu ziehen und die Löhne, das bezahlen wir. Für das hat der Staat kein Budget. Der hat andere Prioritäten. Aber wir unterstützen jedes Projekt nur einmal. Die Leute müssen also unabhängig werden. Nach der Aufforstung finanzieren wir auch Bienenkästen und es gibt Fälle von Nachfinanzierungen wenn das z.B. das Wetter besonders trocken war erklärt Pfister. Zur Vermarktung stellt die Stiftung keine Hilfe zur Verfügung. Beim Honig zum Beispiel sagen wir den Menschen, der sei zuerst für ihre eigenen Kinder. Es gibt tausende von Frauen, die verkaufen ein paar überzählige Tomaten, Rüebli oder Zwiebeln auf dem Markt. Aber richtig in die Vermarktung von Honig oder Kaffee, den wir auch angepflanzt haben, das möchten wir nicht, das ist nicht unser Geschäft. Wenn wir Türen aufmachen können machen wir das natürlich aber gerne.

Was sind faire Löhne? Die Stiftung zahlt lokale Löhne, aber eher gute, pro Tag 1 Dollar für ungelernte Arbeitskräfte. Das heisst aber nicht, dass wir mit dem Portemonnaie dorthin fahren und das Geld verteilen. Das sind lokale Landwirtschafts/Finanzbüros von den Behörden, die auch streng kontrollieren, und von uns kontrolliert werden. Wir stellen aber auch fest, dass die Teuerung zum Teil massiv steigt und da passen wir die Löhne dann an. Zum Einen sicher durch die Entwicklung, zum Anderen aber wissen wir nicht, ob das auch auf Lebensmittelspekulation zurückzuführen ist. Äthiopien ist zu rund 80% direkt oder indirekt von der Landwirtschaft abhängig. Wenn ein Sack Teff, das ist eine typisch äthiopische Getreideart, plötzlich doppelt so viel kostet stellen wir uns natürlich schon Fragen ...


Das Bild des faulen Afrikaners gibt es in Äthiopien nicht. Kurt Pfister ist im Gegenteil tief beeindruckt vom Arbeitswillen der Leute. Natürlich liegt aber die Hauptlast der Arbeit bei der Frau. Das ist kulturell so. Der Mann ist für das Feld und das Vieh verantwortlich, den Rest erledigt die Frau. Und ganz sicher gibt es auch Korruption, besonders an staatlichen Stellen und Entwicklungsgelder fliessen dann manchmal in die falschen Hände. "Wir wollen und brauchen nichts vom Staat" erklärt Kurt Pfister "deshalb sind wir auch nicht korrumpierbar. Wir respektieren auch ihr Wissen und ihre Kultur, wir massen uns nie an, unsere Ideen, unsere Erfahrungen seien besser. Eine Gemeinde hat einmal ein Tropf-Bewässerungssystem aus Israel als Entwicklungshilfe erhalten. Die Fässer und Schläuche rotten heute noch vor sich hin weil niemand das System kennt und anzuwenden weiss. Die selbstgebauten Kanäle aber funktionieren bestens und können auch selbst instand gehalten werden. Auch ich musste mich schon belehren lassen weil ich dachte, ein Metallpflug sei effektiver als ihr Holzpflug. Wir haben auch probiert den Leuten Solarkocher schmackhaft zu machen. Aber in Äthiopien ist es Tradition, den Tag auf dem Feld zu verbringen und am Abend wenn es dunkel ist zu kochen. Dann braucht es Batterien. Das ist dann schon wieder mehr (oder zuviel) Technologie. Solarlampen sind soweit erfolgreich, aber das Land wird immer mehr elektrifiziert und die Leute freuen sich dann über den Strom und sind stolz auf ihre elektrischen Lampen." Was von Green Ethiopia gefördert wird sind holzsparende Öfen. Das sind Öfen die in Äthiopien selbst konzipiert wurden und Ideen, die sozusagen auf eigenem Mist gewachsen sind haben viel mehr Chancen sich zu verbreiten als wenn wir Europäer mit etwas kommen.

 Natürlich gibt es auch Rückschläge. Wenn zum Beispiel ein Wald brennt wegen Blitzeinschlag oder wenn der Jungwald von Ziegen gefressen wird, weil die Bauern wegen Futtermangel die Tiere im Aufforstungsgebiet weiden liessen. Futtermangel ist deshalb jedesmal ein Thema bei den Gesprächen vor Ort und die Stiftung finanziert dann auch mal 50 Eselladungen Heu, zum Schutz des Jungwaldes.


Was motiviert Sie, Herr Pfister, jeden Morgen aufzustehen und Vollgas zu geben? Der Erfolg, der Erfolg, und das die Menschen wieder strahlen, wieder zu essen haben, etwas zum Leben haben. Ich habe soviel Armut, bittere Armut gesehen, und wenn nach ein paar Jahren die Frauen strahlen, die Männer strahlen, uns stolz ihr Gemüse zeigen.


Was sind Ihre Pläne für die Zukunft? Bei den fünf Millionen Bäumen bleiben zu können die wir jetzt jedes Jahr pflanzen und genug Geldmittel dafür auftreiben zu können. Dazu brauchen wir jedes Jahr eine Million Schweizer Franken, diese zu beschaffen ist nicht ganz einfach... Unser grösster Unterstützer in den letzten vier Jahren war die Fondation Yves Rocher. Das Ziel der Fondation war es 50 Millionen Bäume zu pflanzen. Das Ziel wurde nun erreicht und wir durften mit 17 Millionen einen entscheidenden Beitrag dazu leisten. Die Fondation hat etwa ein Drittel unseres Budgets getragen. Erst kürzlich erhielten wir die frohe Botschaft dass und die Fondation noch weitere drei Jahre unterstützt. In den nächsten Tagen versenden wir rund 1'600 Brochuren mit Briefen, so kommen jeweils noch, je nach Jahr, 300' - 400'000.- Franken zusammen. Und dann ist es halt wie überall harte Knochenarbeit. Auch Kirchgemeinden zahlen uns Kollekten. Bisher wurde die ganze Stiftungsarbeit durch Freiwilligenarbeit getragen. Ab nächstem Jahr gibt es für den Geschäftsführer ein bescheidenes Gehalt.

Sein Engagement kommt nicht von ungefähr. Bereits 1989, als der rumänische Diktator Ceausescu gestürzt wurde, war Pfister aktiv in der Kirchenpflege und sammelte Lebensmittel, Decken und andere Hilfsmittel sowie Medikamente welche er während fünf Jahren mit den berühmten Migros-Verkaufswagen nach Rumänien brachte. Wenn man so mit Kurt Pfister einen Kaffee trinkt, das Feuer spürt, dass diesen Mann antreibt und einen kleinen Einblick in sein Leben erhält dann lässt es einen an das Gute im Menschen glauben. Wir vermuten, die 15 von Adele und Gottlieb Duttweiler aufgestellten Thesen begleiten diesen Mann schon sein Leben lang.

Wo Kaffa Wildkaffee bestehenden Regenwald schützt leistet die Green Ethiopia Stiftung enorm wertvolle Arbeit beim Wiederaufforsten des bereits zerstörten Waldes. Wo unser Herz für Kaffee schlägt schlägt das Herz von Kurt Pfister für Äthiopien, ein wunderschönes Land. Aus seiner Gedankensammlung zitieren wir als Absschluss dieses Gespräches folgenden Leitsatz, der wohl sein wie unser Engagement bestens untermauert:


Das Miteinander und Füreinander

sind die
erfolgreichsten
und
nachhaltigsten

Entwicklungshelfer


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