Donnerstag, 3. März 2016

Das gute Geschäft mit dem schlechten Gewissen

Tue Gutes und sprich davon - ein uralter Marketingtrick der immer noch bestens funktioniert. Kein Wunder, Elend, Katastrophen und Hungersnöte haben nicht abgenommen und seit dem die Welt dank Internet ein globales Dorf ist, erschlagen uns die schlechten Nachrichten fast im Minutentakt, live und direkt auf dem neusten Smartphone oder dem gebogenen Flachbildschirm im XXL-Format (man gönnt sich ja sonst nichts). Und wie wir da so schön im Warmen und im Trockenen sitzen und mit vollem Bauch auf dem Tablet im Ferienkatalog blättern und uns überlegen, ob CHF 76.- für einen Flug nach London und zurück nicht ein bisschen viel sind oder ob wir den Schweinsbraten in Calvados zu CHF 9.90 das Kilo nicht irgendwo noch günstiger bekommen, kann einem bei all diesem schrecklichen Leid natürlich schon das schlechte Gewissen befallen. Aber Gott sei Dank hat der moderne Ablasshandel auch hier ein breites Angebot für uns Gutmenschen bereit.


Mit myclimate CO2 kompensieren, auf FSC-Papier drucken, mit dem FairPhone telefonieren, beim Spendenmarathon von "Jeder Rappen zählt" mitmachen und FairTrade-Kaffee trinken ist ja eigentlich auch eine gute Sache. Aber nicht immer ist "Gut gemeint" auch "Gut gemacht" und wenn beim ersten Blick die Idee "für jedes Paar verkaufter Schuhe spenden wir ein Paar Schuhe an Bedürftige" gut erscheint, ist bei genauem Hinsehen die ganze Sache etwas komplizierter. Trotzdem hat das "buy one - give one"-Modell bei den Konsumenten Erfolg, sei es bei Schuhen, Brillen oder auch im Kaffeehandel, wo zum Beispiel von Destas Coffee pro Kapsel Kaffee ein frisch gebackenes Brot gespendet wird. Das macht zwar satt, fördert und unterstützt aber in keiner Art die Initiative der Bevölkerung ihre Zukunft selber in die Hand zu nehmen. Coffee Circle baut Brunnen (sicher wichtig, um die Versorgung mit sauberem Wasser zu fördern, andererseits arbeitet Coffee Circle eng mit Technoserv (finanziert auch von der Bill Gates – Stiftung) zusammen, welche in ganz Äthiopien Washing Stations für die Nassaufbereitung von Kaffee baut und damit sinnlos Wasserressourcen verschwendet und erst noch die Böden mit belastetem Abwasser verschmutzt (siehe auch "140 Liter Wasser für eine Tasse Kaffee - nicht mit uns"). Und ein ganz neuer Stern am Himmel ist Direct Coffee, welche nun mit jedem Päckchen Kaffee Brillen für äthiopische Kinder finanzieren, auch das gut gemeint, aber wie schön wäre es doch, wenn die Bauern ihren Kindern aus eigenen Mitteln eine Brille kaufen könnten ...

Foto: Christian Putsch - Die Welt
Vielleicht haben Sie die Meldung in der Flut schrecklicher Nachrichten übersehen. In Äthiopien herrscht zurzeit aufgrund fehlender Niederschläge eine Hungersnot und das Land steht vor einer humanitären Katastrophe, so wie in den 80er-Jahren, schreibt Katrin Hafner von Helvetas. Daran ist nicht nur die Klimaerwärmung (El Niño lässt grüssen) schuld, sondern auch strukturelle Probleme wie DIE WELT sehr gut analysiert. Kurzfristige Nothilfe für äthiopischen Bevölkerung im Osten und Süden ist dringend nötig. Langfristig reicht es aber nicht aus, Brunnen zu bauen, Wasser und Brote abzugeben, sondern es muss darum gehen, der Bevölkerung Möglichkeiten zu schaffen, um selber aus der Armut herauszukommen. Nachhaltige Einkommensquellen v.a. auch für die ländliche Bevölkerung durch die Schaffung von Absatzmärkten für ihre Produkte und damit auch Arbeitsplätze und Micro-Unternehmen. Und natürlich ist auch ein vorsichtiger Umgang mit den natürlichen Ressourcen wie Wasser, Erde und Wald von enormer Bedeutung. Wird der Wald abgeholzt, erodiert der Boden, die Ernten werden geringer und der Grundwasserspiegel geht zurück. So werden weitere Hungernöte, im Hinblick auf die globale Klimaerwärmung wahrscheinlich noch schlimmeren Ausmasses, folgen und wir werden wieder Hilfsgüter verteilen, doch die Menschen werden arm und abhängig bleiben.


Deshalb setzen wir auf die Entwicklung von Einkommen, die schonende Nutzung vorhandener, natürlicher Ressourcen, wie den Regenwald, investieren in den Aufbau von soliden Absatzmärkten und arbeiten direkt Hand in Hand mit den Kaffeebauern. Für unseren Kaffee wird kein Wald gerodet, er wird natürlich an der Sonne getrocknet und benötigt somit keinen Tropfen Wasser, die Kaffeeschalen werden künftig als Brennstoff im Kaffa-Kocher anstelle von Holz verwertet und die daraus entstehende Pflanzenkohle wird als Bodenverbesserer in die Natur zurückfliessen. Die Region Kaffa ist von der Hungerkatastrophe nicht direkt betroffen. Schwierig ist die Situation vor allem in den bereits schon sehr trockenen Gegenden im Osten und Süden des Landes, sowie zunehmend auch im Norden. Die Hügellandschaft mit den noch letzten Regenwaldbeständen in der Provinz Kaffa sind im Gegensatz zum Norden/Osten eher fruchtbar und grün. Bliebe hier aber infolge der Klimaveränderung die Regenzeit länger aus, würde sich die Situation natürlich auch rasch verschlechtern.

Copyright SRK, Remo Nägeli
Am nächsten Donnerstag, den 10. März, erklärt der renommierte Schweizer Klimaforscher Professor Thomas Stocker anlässlich der ersten Abendveranstaltung zur Sonderausstellung «Weltreise Rotes Kreuz», wie es zu klimabedingten Extremereignissen kommt. Seit Monaten ist Äthiopien von einer dramatischen Dürreperiode betroffen. Ein Phänomen, das immer häufiger und heftiger vorkommt und Millionen Menschen in ihrer Existenz bedroht. Ist dies eine Folge des Klimawandels? Wird das Klima grundsätzlich extremer? Diesen Fragen geht Stocker in seinem Referat nach. Für Auskünfte zur Arbeit des Roten Kreuzes und zur aktuellen Lage in Äthiopien steht der SRK-Länderverantwortliche Fabio Molinari zur Verfügung. Anschliessend sind die Gäste zu einer äthiopischen Kaffeezeremonie eingeladen und können sich in der Ausstellung «Weltreise Rotes Kreuz» gleich selbst auf die Reise nach Äthiopien machen. Dies alles ab 18h30 im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern.

Copyright Stiftung Green Ethiopia
Gerne verweisen wir in diesem Zusammenhang auch immer wieder auf die Stiftung Green Ethiopia die im Januar verdient den Energy Globe World Award in der Kategorie Earth und als Gesamtsieg entgegen nehmen durfte. Wir haben die wirklich grossartige Arbeit dieser Stiftung bereits hier im Blog präsentiert. Deren oberstes Ziel ist die Verbesserung der Ernährungs- und Lebenssituation von Menschen in Äthiopien zur nachhaltigen Armutsbekämpfung mittels Aufforstungen und Wassergewinnung in enger Zusammenarbeit mit Bauern- und Frauengenossenschaften. Dabei geht es nicht um Hilfslieferungen, sondern durch Hilfe zur Selbstentwicklung, die mit Aufforstungen beginnt und bei der Befähigung von Menschen endet, selbst ihre Lebenssituation nachhaltig zu verbessern.  Zweck der der Stiftung sind Bekämpfung der Erosion und ihrer dramatischen Folgen durch Aufforstungen und die Unterstützung der äthiopischen Forst- und Landwirtschaft bei der Wiedererlangung von Ernährungssicherheit. Im Focus steht dabei der Kreislauf: Bäume - Wälder - Wasser - Nahrung - Leben.


Der Regenwald ist nicht nur ein wichtiges Reservat für die Biodiversität, er hat auch grossen Einfluss auf Klimaveränderungen und daraus resultierende Hungersnöte. Sein Schutz ist deshalb genau so wichtig wie die Unterstützung Notleidender, sei es von Flüchtlingen bei uns oder Hungernden in Äthiopien und anderswo. Wer mehr hat als er braucht, soll nicht höhere Zäune bauen sondern längere Tische.

Es ist wie bei allem anderen auch: Nur wer sich wirklich Zeit nimmt, um sich zu informieren kann auch abschätzen ob gut gemeintes auch tatsächlich Gutes bewirkt. Und es ist wie überall, perfekte, allumfassende Lösungen gibt es nicht, auch bei uns nicht. Aber es gibt diesen kleinen, feinen Unterschied. Den spüren Sie bei unserem Engagement und den schmecken Sie bei unserem Kaffee. Dafür engagieren wir uns, jeden Tag, frisch gestärkt mit (mindestens) einer Tasse Kaffa Wildkaffee. Machen Sie mit. Zusammen sind wir doppelt so stark.

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